Ein Jahr Mindestlohn – Was sich seitdem geändert hat

3 years ago

Mindestlohn: Befürchtungen teilweise eingetroffen

In der Baubranche galt er schon seit 1997. Seit 1. Januar 2015 wurde er in Deutschland flächendeckend eingeführt. Vor allem Arbeitgeber aus Branchen mit vielen ungelernten Arbeitnehmern sowie traditionell niedrigen Löhnen wie das Friseurhandwerk, Taxi- und Wachgewerbe,Landwirtschaft, Einzelhandel und Gastronomie fürchteten, dass sie Mitarbeiter entlassen müssten. Auch in den östlichen Bundesländern bestand bei vielen Chefs die Befürchtung, dass sie die höheren Lohnkosten nicht auf die Preise umlegen könnten. Wie also schaut die Bilanz zum Jahresende aus?

Theorie der Lohnfindung durch 8,50 Euro nicht aus dem Gleichgewicht geraten

Der Mindestlohn war über Jahrzehnte in Deutschland ein heiß umstrittenes Thema. Arbeitgeber argumentierten mit der neoklassischen Theorie, nach der höhere Löhne zu einem Wegfall an Arbeitsplätzen im Niedriglohnsektor führen würden. Nach diesem Modell bilden sich die Löhne nach dem Angebot an Arbeitskräften und der Nachfrage der Arbeitgeber. Für Tätigkeiten mit einer geringen Wertschöpfung und Produktivität würde der Markt eben nur geringere Löhne hergeben. Je höher demnach ein Mindestlohn, der die Produktivität der Arbeitskräfte übersteigt, desto weniger Nachfrage nach diesen Mitarbeitern würde bestehen. Mit anderen Worten: Nach der Theorie sollte der Mindestlohn Arbeitsplätze vernichten. Diese Befürchtung ist zumindest in dieser Klarheit nicht eingetreten. Gleichwohl zeigen sich Bewegungen im Arbeitsmarkt. Die Anzahl der Minijobber, also Mitarbeiter auf 450 Euro-Basis, ist zurückgegangen. Mit Ausnahmen einzelner Branchen im Osten der Republik, sind die kritischen Stimmen auch weitgehend verstummt. Nach einer Studie von Techconsult am Ende des ersten Quartals befürworten sogar 67 Prozent des Mittelstandes den Mindestlohn.

Zahl der offenen Stellen gestiegen – Arbeitslosenzahlen stabil

Bisher scheint der Mindestlohn die Befürchtungen der Arbeitgeber nicht zu bestätigen. In den Statistiken der Arbeitsverwaltung zeigt sich ein Zuwachs an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bei einem gleichzeitigen Anstieg der offenen Stellen. Lediglich die Anzahl der Minijobber sank im ersten Quartal 2015 um 1,4 Prozent. Die Bundesagentur für Arbeit führt diesen Effekt darauf zurück, dass die weggefallenen Minijob-Arbeitsplätze in reguläre Stellen umgewandelt wurden. Für die Arbeitgeber hatte dies zur Folge, dass sie Zuwächse bei ihren Sozialabgaben verkraften mussten.

Internationale Studien: Langfristig keine negativen Effekte des Mindestlohns

Manchmal lohnt sich auch ein Blick in andere Länder, die bereits seit Jahrzehnten einen Mindestlohn haben, um die Effekte desselben zu verstehen. In den USA zeigte 2011 eine Untersuchung des Arbeitsmarkt-Forschungszentrums der US-Eliteuniversität Berkeley, dass höhere Mindestlöhne in den USA in den vergangenen 16 Jahren keine Jobs vernichtet haben. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Studien aus England, das bereits 1999 einen Mindestlohn einführte: Bisher seien keine Jobs verloren gegangen. Und weil die Einkommen in Niedriglohnbranchen gestiegen sind, habe die Volkwirtschaft durch die höhere Kaufkraft insgesamt profitiert. Auch für die Bauwirtschaft in Deutschland zeigten sich in einer Studie zehn Jahre nach Einführung des Mindestlohns keine negativen Effekte auf die Beschäftigung – zumindest in Westdeutschland.

Regionale Unterschiede: Vor allem Familienbetriebe im Osten negativ betroffen

Auch wenn es also insgesamt nicht zu einem Abbau an Arbeitsplätzen kam, belastet der Mindestlohn Unternehmen in den östlichen Bundesländern. Landwirte, kleine Hotel- und Gaststättenbesitzer aber auch vereinzelt Handwerkskammern in grenznahen Gebieten klagen, dass der Mindestlohn sie vor große Herausforderungen stelle. So schnell ließen sich die Preise für die Produkte nicht erhöhen. In Mecklenburg-Vorpommern stiegen Anfang des Jahres nach Angaben des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) die Preise um 4,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bundesweit lag das Plus nur bei 2,5 Prozent. Nach Befürchtungen der Geschäftsführerin sei es denkbar, dass man diese Preissteigerung in einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit und geringer Kaufkraft nicht durchsetzen könne. Auch Betriebsschließungen seien nicht ausgeschlossen. Zumindest das Taxigewerbe hat vorerst Entwarnung gegeben. Zwar stiegen die Fahrpreise um zweistellige Prozentsätze; vereinzelt sogar um bis zu 40 Prozent wie in Erfurt. Einen generellen Kundenrückgang meldet das Gewerbe jedoch nicht. Im Gegenteil heißt es, dass die Kunden Verständnis für die höheren Preise gezeigt hätten.

Fazit

Es bleibt also abzuwarten, wie sich der Mindestlohn weiter auswirkt. Die Befürchtungen vor flächendeckender Jobvernichtung sind bisher nicht eingetroffen. Preiserhöhungen um bis zu zehn Prozent im Friseurhandwerk trafen auf Verständnis bei den Kunden. Allenthalben klagen Arbeitgeber über die verschärften Dokumentationspflichten bei der Arbeitszeiterfassung. Aber dass die Bürokratie gerade für kleine und mittlere Unternehmen rund um ihre Mitarbeiter ausufert, wird ja zurecht seit langem beklagt.